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Datum:   19.02.1997
Ressort:   Reporter
Autor:   Anja Karrasch

Eine geheime Operation

2 000 Nazi-Größen wurden argentinische Staatsbürger

Was Historiker schon lange vermuteten, ist durch die Erklärung eines Mannes, der es wissen müßte, erhärtet worden. Pedro Bianchi, der argentinische Verteidiger des in Italien inhaftierten SS-Hauptsturmführers Erich Priebke, bestätigt, daß nach Kriegsende rund 2 000 Nazis die argentinische Staatsbürgerschaft unter Präsident Juan Domingo Peron erhalten haben. Bianchi war von 1946 bis 1948 an Argentiniens Botschaft in Italien tätig. Dort sollen zahlreiche Pässe übergeben worden sein.

Peron eng verstrickt

"Ich halte das durchaus für möglich", sagt Wilfred von Oven. Von Oven war Pressereferent von NS-Propagandaminister Goebbels und gilt als intimer Kenner der Schicksale von in Südamerika untergetauchten Nationalsozialisten. Der 85jährige war 1951 mit einem gültigen Reisepaß nach Argentinien ausgewandert. Untermauert wird diese Aussage von neuesten Erkenntnissen, daß Peron zwischen 1946 und 1949 regelmäßig eine "Nachzügler-Kommission" einberufen ließ, um Nationalsozialisten sicher von Europa nach Südamerika zu bringen. Dies berichtete die Zeitung "La Nacion", die sich auf 22 000 Dokumente beruft, die der jüdische Dachverband Argentiniens (DAIA) ausgewertet hat.

Den Dokumenten zufolge arbeiteten in dem Gremium Nazi-Größen, darunter der Franzose Jacques Marie de Mahieu, als "Antropologe" der Waffen-SS bekannt. Der wegen Kollaboration in Belgien zum Tode verurteilte Pierre Daye unterstützte die Runde, um die "alten Kameraden" aus Europa zu retten. Koordinator der geheimen Operation war nach Erkenntnissen des Kölner Historikers Holger M. Meding der Deutsch-Argentinier Rodolfo Freude, ein enger Freund des Bruders der legendären Präsidentengattin Evita Peron.

Zielgerichtet eingeschleust

"Die Nachzügler-Kommission hat zielgerichtet Nazis nach Argentinien eingeschleust, die für die Regierung Peron von besonderem Nutzen waren", sagt Beatriz Gurevich, Leiterin der DAIA-Forschungsabteilung "La Nacion". Dies waren vor allem Naturwissenschaftler und Techniker. Die Dokumente hätten ergeben, daß Peron mit Hilfe der argentinischen Konsulate in Europa Schiffe organisierte, damit die international gesuchten Nazis nach Argentinien gebracht werden konnten. Der Organisator der Judendeportationen, Adolf Eichmann, soll über die Kommission seinen ersten Job in Argentinien gefunden haben.

Von Argentiniens Präsident Carlos Menem Anfang 1992 geöffnete Archive bestätigten, daß Nazi-Größen wie etwa der KZ-Arzt Josef Mengele sichere Zuflucht in Argentinien gefunden haben. So war auch der KZ-Kommandant Joseph Schwammberger nach 1945 "legal" nach Argentinien ausgewandert. Und bis zu seiner Auslieferung im Sommer 1995 hatte SS-Hauptsturmführer Erich Priebke unbehelligt in dem argentinischen Andenort Bariloche gelebt. dpa +++

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